Bekämpfen Sie Betriebsblindheit!

„Da habe ich wohl zu oft ein Auge zugedrückt!“, „Die Lösung wäre so einfach gewesen!?“, … Solche und ähnliche Sätze von Führungskräften und Mitarbeitern hört man in vielen Unternehmen nur allzu oft. Mängel in den Abläufen der Routinetätigkeiten können häufig mit wenig Aufwand behoben und neuer Nutzen generiert werden. Wenn man den Mangel nur erkennt und auch beheben will. Betriebsblindheit verhindert dies jedoch. Obwohl von vielen Führungskräften verleugnet, ist sie in den meisten Unternehmen anzutreffen: Man gewöhnt sich an eingefahrene Abläufe, wenngleich diese vielleicht effizienter und effektiver ablaufen könnten.

Was ist Betriebsblindheit?

Betriebsblindheit bezeichnet „unangemessene Wahrnehmungs- und Beurteilungstendenzen, die oft durch Routine verursacht sind.“ Klassisches Merkmal ist die eingeschränkte Wahrnehmung betrieblicher Abläufe, Prozesse und Zusammenhänge, sodass Ineffektivität oder Ineffizienzen nicht bemerkt werden. Aktuelle betriebliche Abläufe werden nicht neu beurteilt und bloß aufgrund von Routine und der Vergangenheit beibehalten und für richtig befunden.

Die Folgen von Betriebsblindheit können schwerwiegend sein und sogar den Tod des Unternehmens bedeuten:

  • Innovationen bleiben aus: Wenn alles „gut“ läuft ist Veränderung nicht nötig und Innovation wird als unnötiges Risiko, das den Status quo bedroht, unterbunden und verhindert.
  • Qualität sinkt: Ohne kontinuierliche Verbesserung sinkt das Niveau der Produkt- bzw. Prozessqualität im Zeitverlauf bedingt durch Routine, Unachtsamkeit und andere Gründe. Hierdurch steigen die Fehler- beziehungsweise Prozesskosten und der Gewinn des Unternehmens sinkt.
  • Verlust wertvoller Mitarbeiter: Vielversprechende, neue Mitarbeiter können nicht ordnungsgemäß in den Arbeitsprozess integriert werden, weil diese die Unzulänglichkeiten sehen und nicht mit diesen zurechtkommen, sie aber auch nicht verändern dürfen. Mitarbeiter mit Potential verlassen das Unternehmen aus Langeweile, bedingt durch die jahrelange Routine ohne Anreize von neuen Verfahren, Maschinen oder Materialien.
  • Konkurrenz baut Vorsprung auf: Konkurrenzunternehmen entwickeln sich weiter und bauen einen Vorsprung zum eigenen Unternehmen auf. Dieser kann technologie- aber auch effizienzbedingt sein und an Kunden weitergegeben werden.

Wie kommt es so weit?

Abläufe und Problemlösungen werden basierend auf aktuellen Rahmenbedingungen etabliert und bewähren sich in dieser Situation (Ob es zu diesem Zeitpunkt bereits eine bessere Lösung gegeben hätte ist hier nicht von Bedeutung). Ändern sich nun die Voraussetzungen (schleichend), so bleiben die etablierten Abläufe dennoch bestehen, da sich diese bewährt haben und möglicherweise mühsam und kostenintensiv erarbeitet wurden.

Hinzu kommt, dass Menschen üblicherweise Gewohnheiten und Routinen lieben, da sie darin ihre sogenannte Komfortzone einrichten können, in der sie sich wohl fühlen. Nach einer, am University College London durchgeführten, Studie von Lally et.al. (2009 im European Journal of Social Psychology veröffentlicht) benötigt es durchschnittlich 66 Tage/ Wiederholungen bis ein Verhalten automatisiert und somit als normal empfunden wird. Dies zeigt, dass Menschen jedes Verhalten und alle Umstände gewöhnen können und nicht mehr hinterfragen, weil sie es als selbstverständlich ansehen.

8 Mittel gegen Betriebsblindheit

Reflektieren Sie Ihre Handlungs- und Denkweise: Kontrollieren Sie ihre Arbeitsweise selbst in regelmäßigen Abständen. Stellen Sie sich gezielt Fragen, die Ihre Handlungen in Frage stellen: „Mache ich mir Gedanken über meine Tätigkeiten oder handle ich aus Routine?“, „Was habe ich im letzten Jahr verbessert?“. Wenn Sie hier nichts vorweisen können, dann leiden Sie entweder an Betriebsblindheit und erkennen keine Verbesserungsmöglichkeit oder – noch schlimmer – haben eine Möglichkeit aus Bequemlichkeit nicht wahrgenommen.

Holen Sie Feedback ein: Holen Sie sich von Ihren Vorgesetzten, Mitarbeitern, Kollegen, Kunden, … Feedback zu Ihrer Arbeit ein. Sind die Empfänger Ihrer Leistungen zufrieden mit dem Ergebnis? Wünschen sie sich eine Veränderung, welche Sie vorantreiben könnten?

Bleiben Sie kritisch: Halten Sie sich selbst nicht für unfehlbar und perfekt. Niemand ist fehlerfrei und unersetzlich. Auf diese Weise verhindern Sie, dass Sie zu zufrieden sind mit ihrer Situation, denn Zufriedenheit ist oft der Feind von Veränderung.

Nehmen Sie neue Perspektiven ein: Beleuchten Sie Ihre Tätigkeit aus anderen Blickwinkeln, beispielsweise aus Sicht der Kunden oder Mitarbeiter beziehungsweise aus Sicht eines Qualitäts- oder Prozessauditors. Setzen Sie sich die Kappe eines bürokratischen Gutachters einer strengen Behörde auf und durchleuchten Sie die Prozesse bis in letzte Detail, um bewusst Schwachstellen und Ineffizienzen zu identifizieren. Kündigen Sie dies jedoch vorab ihrem Team oder den Kollegen an, wenn diese in die „Prüfung“ involviert werden sollen, um zu vermeiden, dass diese Sie plötzlich für verrückt erklären.

Vergleichen Sie sich: Nutzen Sie die Möglichkeit sich mit anderen Unternehmen und anderen Branchen zu vergleichen. Dies kann entweder über den Weg von Benchmarking-Studien erfolgen oder im Austausch mit Best Practice-Arbeitsgruppen bei Firmenbesichtigungen usw. Die Erfahrung zeigt, dass auch der Austausch mit Teilnehmern von Schulungen oder Weiterbildungen häufig ein guter Denkanstoß sein kann – vorausgesetzt man sucht sich die richtigen Gesprächspartner.

Nehmen Sie Abstand: Im Alltag der betrieblichen Hektik zu unterliegen geschieht schneller als man denkt. Oft ist es deshalb wichtig sich eine Auszeit und einen Tapetenwechsel zu genehmigen. Dies kann ein Urlaub, eine Auszeit oder ein Wochenende in einem berufsbegleitenden Studium sein. Wichtig ist, dass Sie nicht an die Arbeit denken und bei Ihrer Rückkehr bestenfalls vergessen haben, woran Sie bei Verlassen des Arbeitsplatzes gearbeitet haben. Wie Sie dies am besten bewerkstelligen müssen Sie für sich selbst feststellen.

Etablieren Sie systematische Verbesserung: Installieren Sie Werkzeuge, Methoden und Arbeitsgruppen, deren Zweck es ist etablierte Routinen zu hinterfragen und gezielt zu verbessern. Dies können beispielsweise Ansätze des Qualitätsmanagements sein, wie Qualitätszirkel, interne und externe Audits und 8D-Reports beziehungsweise Problemlösungsblätter. Wenden Sie die gewählten Methoden regelmäßig und mit voller Überzeugung an, so sind Sie gezwungen ihre Arbeitsweisen zu hinterfragen und finden möglicherweise Potentiale zur Verbesserung oder Innovation.

Tragen Sie aktiv zu Veränderungen bei: Der wichtigste Punkt bei der Verhinderung von Betriebsblindheit ist jedoch der eigene Wille zur Veränderung. Verlassen Sie öfters Ihre Komfortzone, um neue Arbeitsweisen zu versuchen und Veränderungen voranzutreiben. Natürlich ist das anfangs unbequem, doch wenn es klappt ist es einfach großartig. Gehen Sie mit gutem Beispiel voran und ermutigen Sie sich selbst und Ihre Mitarbeiter nicht in Routinen zu ersticken.

Zusammenfassung

Betriebsblindheit stellt sich meiner Erfahrung nach unweigerlich ein, auch wenn es die Position im Unternehmen verlangen würde, immer Ineffizienzen wahrzunehmen und zu beheben. Selbst als Qualitäts-, Prozess- oder Innovationsmanager unterliegt man der Gefahr betriebsblind zu werden. Dies ist, wie erläutert, ein menschliches Phänomen. Wichtig ist jedoch sich dessen bewusst zu sein und sich selbst stetig zu hinterfragen.

Der Beitrag soll jedoch kein Plädoyer für häufigen Arbeitgeberwechsel und extrem kurze Unternehmenszugehörigkeit sein. Im Gegenteil: Durch Verständnis des sozialen Systems einer Organisation mit dazugehöriger Kultur, Kommunikationswege und zwischenmenschlicher Beziehungen sehen Sie benötigten Wandel und etwaige Optimierungsmaßnahmen im Kontext der Organisation und der Branche. Mit den oben vorgestellten Methoden gelingt es, durch Arbeit an der persönlichen Einstellung und Sichtweise aber auch durch die Implementierung systematischer Mechanismen zur Verbesserung, Offenheit und den kritischen Blick zu bewahren. Diese Kombination aus Verständnis, Offenheit und kritischem Blick ist es, die kontinuierliche Verbesserung und Innovationsfähigkeit ermöglichen und diese nicht in alltäglicher Routine den Tod der Betriebsblindheit sterben lassen.

 

Quellen:

https://www.wirtschaftslexikon24.com/d/betriebsblindheit/betriebsblindheit.htm

https://repositorio.ispa.pt/bitstream/10400.12/3364/1/IJSP_998-1009.pdf

 

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