Qualitätsmanagement als Innovationsbremse?

Im Gespräch mit Führungskräften und Fachexperten bekommt man als Qualitätsmanager oft zu hören, dass für das Unternehmen, für diese Abteilung oder diesen Prozess Qualitätsmanagement nicht sinnvoll oder gar unmöglich ist, da man flexibel und agil bleiben muss. Nur so könne man die Kundenanforderungen effektiv und effizient erfüllen und auf die individuellen Wünsche eingehen. Qualitäts- oder Prozessmanagement mit seinen starren Abläufen, exakten Vorgaben und der unmenschlichen Bürokratie würde lediglich die Kundenzufriedenheit senken und Innovationen verhindern. Im engen Korsett der Prozessbeschreibungen und Arbeitsanweisungen bliebe auch gar kein Raum für Verbesserungsversuche, Kreativität oder Innovation. Doch ist Qualitätsmanagement wirklich ein Hindernis für Innovationen?

Weg mit Vorurteilen

Zugegeben, die aufgezählten Befürchtungen sind per se nicht ganz unbegründet. Insbesondere, wenn man die Vergangenheit des Qualitätsmanagements betrachtet und auch die gemachten Erfahrungen vieler Führungskräfte mit diesem Thema, wird deutlich, dass eben diese Schilderungen auch eintreten können. Analysiert man die Historie des Qualitätsmanagements und insbesondere der ISO 9001 oder gar der ISO/TS 16949 näher, so waren diese Befürchtungen sogar Realität und in vielen Unternehmen an der Tagesordnung. Die Forderungen und Ansätze des Qualitätsmanagements waren in der Vergangenheit sehr formalistisch, papierbezogen – wenn nicht gar überbürokratisch – und auch das Verständnis der Zertifizierungsstellen und Auditoren war entsprechend. Die Dokumentation musste exakt den Normkapiteln entsprechen, die Vorschriften wurden auf Punkt und Strich überprüft und das System wurde nach den Wünschen und Befindlichkeiten des Zertifizierers und nicht nach den Bedürfnissen der Organisation aufgebaut. Doch diese Umstände sind längst vorbei und auch die gebrandmarkten Gegner des Qualitätsmanagements sollten über ihren Schatten springen und sich von den neuen Ansätzen des Qualitätsmanagements überzeugen.

Neue Ansätze zum Erfolg

Die Normforderungen der ISO 9001 sind spätestens seit der Revision 2015 offener und gehen aktiv auf innovationsfördernde Themen, wie Wissen und strategische Chancen und Risiken, ein. Auch das Verständnis der Auditoren hat sich bei den meisten Zertifizierungsgesellschaften um 180° gedreht. Vom Verständnis des Prüfers mutierte man zu einem Verständnis als Dienstleister und Erfolgsbefähiger. Zwar werden im Sinne der Sache nach wie vor die Festlegungen überprüft, allerdings müssen diese für das Unternehmen geeignet, angemessen und wirksam sein. Die Formalkriterien für Dokumente wurden in dieser Normausgabe nochmals explizit gelockert und beschränken sich nun nur mehr auf die Mindestkriterien wie Informationen gelenkt werden müssen.

Innovationen durch Qualitätsmanagement?

Um nun die Frage beantworten zu können, ob durch ein gut funktionierendes und wirksam implementiertes Qualitätsmanagementsystem Innovationen gebremst oder vielleicht sogar gefördert werden können, müssen zu allererst die Erfolgs- und die Misserfolgsfaktoren für die Innovationsfähigkeit von Unternehmen betrachtet werden.

Als Erfolgsfaktoren für Innovationen werden in der Fachliteratur von vielen Autoren folgende Punkte genannt, wobei das Gegenteil des jeweiligen Punktes einen Misserfolgsfaktor darstellt und deshalb hier nicht extra angeführt wird:

  • Marktfokus der Organisation
  • Managementfokus/ Management Commitment
  • Interdisziplinäre und zwischenbetriebliche Zusammenarbeit
  • Risikoaffine, kreativitätsfördernde Unternehmenskultur mit positiver Fehlerkultur
  • Investitionen in Mitarbeiter

Dies sind nur einige Punkte vieler Studien. Eine schöne Zusammenfassung verschiedenster Meta-Analysen findet man von Hauschildt/Salomo (2011, S. 32): „Innovationen sind dann erfolgreich, wenn sie in einer innovationsfreudigen Unternehmenskultur erfolgen, die die arbeitsteilige Natur der Leistungen anerkennt [und] ein technologisch neuartiges Produkt hervorbringen, das den Kunden einen neuartigen Nutzen stiftet, und wenn dieses Produkt nach professioneller Marktforschung sowie nach strategischer Planung in den Markt eingeführt wird.“

Betrachtet man nun die Forderungen der ISO 9001:2015, welche mit dem Thema Innovation und Innovationsbefähigung korrelieren, so sieht man, dass die Forderungen durchaus so ausgestaltet sind, dass die Umstände Innovationen fördern sollen:

Auf strategischer Ebene fordert die ISO 9001:2015 die Organisation dazu auf ihre Sensoren im Umfeld (intern und extern) zu positionieren und so sich verändernde Rahmenbedingungen frühzeitig zu identifizieren und die Relevanz für das Unternehmen zu bewerten. An den für relevant bewerteten Themen sollen anschließend die Kultur, Politik und Ziele des Unternehmens orientiert und die Prozess entsprechend diesen Anforderungen ausgerichtet werden. Aus den identifizierten Themen sollen die Chancen und Risiken abgeleitet werden, welche das Unternehmen beachten muss und genau hier greift der Punkt, an welchem mögliche Innovationen beginnen können. Die Chancen, die sich ändernde Rahmenbedingungen bieten oder die beispielsweise durch den Markt oder Kunden gefordert werden sind die Basis für mögliche Entwicklungen.

Um diese Entwicklungen zielgerichtet zu entwickelt, gibt die ISO 9001 auch Festlegungen vor, welche geregelt gehören, um den Entwicklungsprozess systematisch zu fördern und die Lösung an den Anforderungen auszurichten, um nicht ins Blaue zu entwickeln und eine Lösung zu generieren, die niemals einen Markt befriedigen kann.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Thema Wissen, wobei Wissen nach North als die Kombination von Informationen und Kontext darstellt. Wissen ist dabei in der heutigen Zeit – der Zeit der Wissensgesellschaft – ein wesentlicher „Produktionsfaktor“, was wiederum bedeutet, dass es für Innovationen unbedingt nötig ist, wenn nach der Definition von Wirtschaftsprofessor Joseph A. Schumpeter (1883-1950), welcher in vielen Werken den Bedarf nach permanenten Veränderungen zur nachhaltigen Absicherung des Unternehmenserfolges herausgearbeitet hat, Innovation als die „Durchsetzung neuer Kombinationen“ bezeichnet wird. Dies betrifft sowohl die Herstellung eines neuen Gutes als auch die Erschließung neuer Märkte und Rohstoffe, die Einführung einer neuartigen Produktionsmethode und die Neuorganisation eines bestehenden Unternehmens.

Betrachtet man die Forderungen der ISO 9001:2015 näher, zeigt sich, dass diese Norm für Qualitätsmanagementsysteme eine starke Ausrichtung auf die Förderung von Innovationen sowohl auf strategischer als auch auf operativer Ebene inkludiert hat. Werden die Forderungen systematisch und sinnvoll umgesetzt, so werden Innovationen durch das implementierte System gefördert anstatt verhindert.

Mutiert der Qualitätsmanager nun zum Innovationsmanager?

Die Frage, ob Qualitätsmanager nun auch automatisch zum Innovationsmanager in Unternehmen werden lässt sich trotz der obigen Darstellungen nur verneinen. Natürlich wird es dem Unternehmen ermöglicht Ideen und Suchfelder für Innovationen mittels der Normforderungen zu generieren, jedoch ist dies nur ein kleiner Schritt der Tätigkeiten eines Innovationsmanagers. Zu dessen Aufgaben gehören typischerweise auch die Steuerung des Ideenauswahlprozesses, das Fördern von Innovationsprojekten, die Sicherstellung der Verwertbarkeit der Innovation und die Koordination der Markteinführung/Implementierung. Diese Aufgaben würden in großen Unternehmen für einen Qualitätsmanager zu ausufernd sein. In kleinen und mittelständischen Unternehmen kann es jedoch durchaus vorkommen, dass diese Bestrebungen die einzigen systematischen Ansätze in Richtung Innovationsförderung sind, weshalb dem Qualitätsmanager wohl zukünftig auch strategisch noch mehr Gewichtung zugesprochen werden wird.

 

Quellen:

Hauschildt, J., & Salomo, S. (2011). Innovationsmanagement (5 Ausg.). München: Franz Vahlen Verlag.

ISO 9001:2015

North, K. (2005). Wissensorientierte Unternehmensführung. Wertschöpfung durch Wissen. Wiesbaden: Gabler Verlag.

Schumpeter, J. A. (1911). Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Berlin.

 

Folgende Passagen der ISO 9001:2015 zielen auf das Thema Innovationsförderung ab:

4.1: „Die Organisation muss externe und interne Themen bestimmen, die für ihren Zweck und ihre strategische Ausrichtung relevant sind und sich auf ihre Fähigkeit auswirken, die beabsichtigten Ergebnisse ihres Qualitätsmanagementsystems zu erreichen. Die Organisation muss Informationen über diese externen und internen Themen überwachen und überprüfen.“

5.1.1 „Die oberste Leitung muss in Bezug auf das Qualitätsmanagementsystem Führung und Verpflichtung zeigen, indem sie sicherstellt, dass die Qualitätspolitik und die Qualitätsziele für das QMS festgelegt und mit dem Kontext und der strategischen Ausrichtung der Organisation vereinbar sind.“

6.1.1 „Bei Planungen für das Qualitätsmanagementsystem muss die Organisatin die in 4.1 genannten Themen und die in 4.2 genannten Anforderungen berücksichtigen sowie die Risiken und Chancen bestimmen, die behandelt werden müssen.“

6.1.2 „Die Organisation muss planen: Maßnahmen zum Umgang mit diesen Risiken und Chancen.“

7.1.6 „Die Organisation muss das Wissen bestimmen, das benötigt wird, um ihre Prozesse durchzuführen und um die Konformität von Produkten und Dienstleistungen zu erreichen.  Beim Umgang mit sich ändernden Erfordernissen und Entwicklungstendenzen muss die Organisation ihr Momentanes Wissen berücksichtigen und bestimmen, auf welche Weise jegliches notwendige Zusatzwissen und erforderliche Aktualisierungen erlangt oder darauf zugegriffen werden kann.“

8.3.1 „Die Organisation muss einen Entwicklungsprozess erarbeiten, umsetzen und aufrechterhalten, der dafür geeignet ist, die anschließende Produktion und Dienstleistungserbringung sicherzustellen.“

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